Was ist unter „guter Sprecherziehung“ zu verstehen?
Erfolgreiche Sprecherziehung setzt umfangreiches Wissen, reiche Erfahrung in der Lehre, kommunikative Fähigkeiten und fundierte pädagogische Kenntnis voraus.
   Sprecherzieher und Sprecherzieherinnen sollten über die Funktionen der sprechbildenden Organe, sowie psychophysische Prozesse des Sprechens und kommunikative Strategien gut informiert sein. Sie sollten außerdem über eine gut ausgebildete und reiche Methodik und Didaktik verfügen, um ihren Schülern individuelle Übungen und Interventionen anbieten zu können.
   Sie sollten sich über aktuelle Studien und Entwicklungen informieren und fachlichen Austausch pflegen.
Sprecherziehung meint den ganzen Menschen und bezieht alle individuellen, kommunikativen Ressourcen der Person mit ein.
Menschenkenntnis, Empathie und wache Sinne sind erforderlich, um Menschen zu bilden.

Sprecherziehung bezieht immer auch Hörerziehung mit ein. Input kommt vor dem Output.
   Sprecherzieherischer Unterricht orientiert sich am Kontakt, an der Intention, an der Sprechabsicht eines Menschen.
Sklavisches Wiederholen von Übungen ist daher kontraproduktiv.
In der Sprecherziehung geht es zielgerichtet immer um den Prozess des Transfers: Erlerntes wird durch den freien, persönlichen Ausdruck beseelt, in die Interaktion transformiert und so zu lebendiger Kommunikation.
Die reiche Skala an Gefühl, das menschliche Bedürfnis, sich auf vielfältige Weise mitzuteilen, kann unser Sprechen zum feinsten und wunderbarsten Instrument des persönlichen Ausdrucks, der menschlichen Kommunikation stimmen.

„Sprich, damit ich dich erkenne.“

Gute Sprecherzieher glauben an das Potenzial ihrer Schüler. Sie glauben an ihre Fähigkeiten und respektieren ihr Wesen.
Ein positives, herzliches und vertrauensvolles Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler bildet das Fundament eines guten Unterrichts. Nicht immer passen Sprecherzieher\in und Schüler\Schülerin zueinander, auch das gilt es bei der Wahl des richtigen Lehrers zu bedenken.
Keine Methode der Sprecherziehung ist so gut wie der Mensch, der sie unterrichtet.
Die persönliche Beziehung entscheidet mit.
Die unterschiedlichsten Methoden greifen oft auf dieselben, altbekannten Übungen zurück.
Es kommt aber weniger auf das „Was“ an, als auf das „Wie“.

Gute Sprecherziehung unterstützt und begleitet Menschen in ihrem persönlichen Wachstum

Ich selbst begreife mich als Wegbegleiterin meiner Schüler, die Wachstums- und Entwicklungsprozesse unterstützt, auch wenn sie schmerzhaft und unbequem sind. Oftmals rühre ich an tiefen Gefühlen wie Ängsten, Wut oder Trauer. Ich komme meinen Schülern sehr nahe und begegne ihnen respektvoll, ich nehme sie als vollwertige Menschen an und akzeptiere ihre Grenzen.
Ich mache allerdings auch Mut, die Grenzen auszuloten, rege an, fordere heraus, konfrontiere. locke, lade ein, neues zu erfahren und gelegentlich provoziere ich auch.
Ich bringe Menschen zunächst in Kontakt mit sich selbst und dann in Kontakt mit einem Gegenüber, einem Publikum.
Ich ermuntere Ihnen, zu sich selbst zu finden, sich zu erkennen und anzunehmen.

Lustvolles Lernen

Meiner Meinung und Erfahrung nach gelingt Lernen generell- und das gilt ebenso für die Sprecherziehung- lustvoll und humorvoll einfach viel besser- und der Spaß am Lernen, am sinnlichen, erfüllenden Sprechen bietet für mich die beste Motivation für die erfolgreiche Lehre.
Ich glaube, dass Menschen lebenslang lernfähig sind und allen Menschen die Lust am Lernen in die Wiege gelegt wurde.

Die Schauspielkunst
Noch ein Gedanke, da ich sehr viel mit Schauspielern arbeite, und immer wieder bei meinen anderen Klienten folgendem Missverständnis begegne:
„Ich möchte aber nicht schauspielern, ich möchte niemand anders sein und keine Rolle spielen...“

Ein Schauspieler erkundet im Laufe seiner Ausbildung viele seiner möglichen Potenziale und lernt daher, eine Figur so mit Persönlichkeit zu füllen, so viel Fleisch an die Knochen zu geben, dass wir ihm diese Figur glaubhaft abnehmen.
Er spielt nicht eine Figur, er ist diese Figur.
Er macht uns und sich selbst nichts vor.
Er weiß, dass das Potenzial, einen Mörder, einen Liebhaber, einen König usw. darzustellen in jedem Menschen steckt. Er hat das in leidvollen und freudvollen Momenten erlebt und erlernt.

Es geht in meinem Sprechunterricht niemals darum, etwas Unglaubhaftes, Aufgesetztes zu lernen.
Es geht immer darum, authentisch zu sein und ebenfalls darum, das eigene Potenzial möglicher Ausdrucksweisen kennen zu lernen.
Und genau an dieser Stelle bietet es sich an, verschiedene Rollen und Sprechhaltungen auszuprobieren, auch wenn sie zunächst nicht so aussehen, als ob sie zu uns gehörten.
Sprecherziehung nutzt die Instrumente der Schauspielausbildung zum Eigenstudium.

Ein Beispiel
Eine Frau, die seit ihrer Kindheit sehr leise spricht, weil sie nie im Leben laut sein durfte und mit Sanktionen rechnen musste, wenn sie es doch einmal war, arbeitet mit mir an einem Monolog, z. B. dem der Maria Stuart, in dem es ums eigene Überleben geht.

Wenn sie an den Ernst der Situation glaubt (Intervention aus dem Schauspiel), und darin unterstütze ich sie, wird sie ihre Stimme erheben, denn in ihrer Situation als Maria Stuart gibt es nichts weniger zu verlieren als das Leben.
Wenn sie sich zum ersten Mal laut hört, wird sie sich vermutlich als nicht authentisch erleben, dennoch ist es ihre Stimme und ihr Gefühl, das zum Himmel schreit.

Sie kann durch diese vermutliche leidvolle oder auch beängstigende Übung erleben, welch eine starke und ausdrucksfähige, kraftvolle Stimme in ihr wohnt. Sie wird in wenigen Stunden diese Erfahrung nicht mehr missen wollen und mit ihrer neu gewonnen Kraft anders im Alltag kommunizieren. Sie hat etwas entdeckt, das bereits in ihr war und diese Erfahrung kann sie enorm bereichern.
Das bedeutet nicht, dass sie im Umgang mit ihren Mitmenschen zwangsläufig lauter werden oder gar schreien muss. Es genügt, um ihre Kraft und ihr Potenzial zu wissen. Auch ein Meister der Kampfkunst hat es nicht nötig, sich zu schlagen.
Er weiß um seine Kraft und strahlt sie aus. Er pflegt sein Instrument. Im Notfall aber steht es ihm in seiner ganzen Bandbreite zu Verfügung.

Zu uns finden
Schauspielerische Übungen in die Sprecherziehung einzubeziehen kann uns sehr dabei helfen, zu uns zu finden.
Unseren Schatz an sprecherischem und stimmlichem Potenzial kennen und nutzen zu lernen.

Mit Verstellen oder irgendeiner Künstlichkeit hat Sprecherziehung nichts zu tun, wohl aber mit unserem Innersten: unserer Person, unseren tiefsten, verborgensten und auch verletzten Gefühlen.
Unseren Ängsten. Besonders der Angst, unsere eigene Größe zu erfahren, unsere pure Lebensenergie zu spüren und diese Energie nach außen zu senden, in Dialog zu treten.

Übrigens: ich stelle den Begriff „Sprecherziehung“ durchaus in Frage.
Wer erzieht wen und wozu?
Anstelle der „Sprecherziehung“ “ kämen in Frage:
Sprechbildung
Sprechunterricht
Sprechkunst
Sprechtraining

Für Anregungen und Feedback bin ich dankbar.



christine Kugler, sprecherziehung und logopaedie berlin
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| Sprechen in Berlin - Sprecherziehung, Logopaedie, Stimme, Artikulation, Praesenz
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